Marcel Lossie – ein Bielefelder Original

Gin Lossie, Rübe Vodka, Lokschuppen, fast4ward und natürlich Fruchtalarm: Als Unternehmer und Initiator einer Stiftung hat Marcel Lossie in den letzten Jahren eine Menge bewegt. In Bielefeld, aber auch weit über die Region hinaus. Ich habe ihn zum Interview getroffen und bei zwei bis drei Bierchen einen trotz seines vielfältigen Engagements sehr entspannten Typen kennengelernt.

 

Marcel, mit Fruchtalarm hast du eine Initiative gegründet, die krebskranken Kindern ein Stück Lebensfreude schenkt. Was passiert da genau?

Das Projekt Fruchtalarm gibt es seit 2010 in Bielefeld. An sich handelt es sich dabei um eine mobile Cocktailbar, die auf den onkologischen Stationen direkt zu den Kindern ans Bett rollt. Unser Team, die „Fruchtis“, mixt dann gemeinsam mit den Kindern und den Angehörigen Fruchtcocktails.

Wie ist die Idee zu Fruchtalarm entstanden?

Es ist so: Wenn du eine Chemo- oder Strahlentherapie bekommst, verändern sich alle Sinneswahrnehmungen. Du nimmst Geruch und Geschmack anders oder nicht mehr so intensiv wahr. Kinder sind davon noch stärker betroffen als Erwachsene. Durch die vielen Infusionen vergessen die Kinder dann häufig, genug zu trinken. Fruchtalarm ist eine schöne Abwechslung im leider oft tristen Klinikalltag. Die Sinne der Kinder werden wieder stimuliert und es macht ihnen Spaß, gemeinsam verschiedene Cocktails auszuprobieren. Das ist auch etwas, dass die Kinder untereinander verbindet. Das Projekt kommt wirklich toll an und die Rückmeldungen motivieren uns, damit weiterzumachen.

In Bielefeld hat also alles begonnen. In welchen Städten seid ihr jetzt mit Fruchtalarm vertreten?

Mittlerweile sind die Fruchtis an 31 Standorten in ganz Deutschland unterwegs. Fruchtalarm findet an jedem dieser Standorte einmal wöchentlich statt und ist aktuell das größte klinikübergreifende, spendenfinanzierte Projekt in Deutschland.

Wahnsinn. Du hast ja selbst den tristen Klink-Alltag der Kinder erlebt. Was muss denn deiner Meinung nach noch passieren, um für Veränderungen zu sorgen?

Das ist schwer zu sagen. Jede Klinik ist anders. Ich habe durch die Erkrankung meines Sohnes ja vor allem den Klinikalltag in Bielefeld kennengelernt. Aktuell werden viele Krankenhäuser modernisiert und es gibt viele andere Initiativen, die hier ebenfalls wertvolle Arbeit leisten. Was mich stört: Die Ergotherapie in der Onkologie ist noch immer nicht als kassenärztliche Leistung anerkannt. Das sollte definitiv geändert werden. Ganz allgemein gesagt, sollten auch die Eltern an Krebs erkrankter Kinder mehr Unterstützung erhalten. Das ist für die ganze Familie eine extreme Situation und viele Familien fühlen sich da allein gelassen.

Von Geldspenden einmal abgesehen: Wie kann man denn das Projekt Fruchtalarm unterstützen?

Wir sind bundesweit immer auf der Suche nach Fruchtis, die sich einbringen möchten. Dazu muss man allerdings bereit sein, etwas Zeit zu investieren – für die Schulungen zum Beispiel. Wir freuen uns immer, wenn sich Menschen bei uns langfristig engagieren.

Vermutlich ist nicht jeder dazu geeignet, mit kranken Kindern richtig umzugehen…

Aktuell haben wir mehr als 250 Fruchtis in Deutschland. Bisher hat niemand das Handtuch geworfen, weil er die Tätigkeit als psychisch belastend empfunden hätte. Im Gegenteil: Die Atmosphäre ist eher fröhlich und lebensbejahend. Wir bieten außerdem auch regelmäßige Reflexionsgespräche mit psychologisch geschulten Ansprechpartnern. Natürlich ist das Ganze ein emotionales Thema und wer jemanden zum Reden braucht, wird bei uns nicht allein gelassen.

Falls ich also Fruchti werden möchte, brauche ich keine speziellen Vorkenntnisse?

Nein, aber Interesse und eine große Empathie sollten vorhanden sein. Du kannst auch erst bei uns reinschnuppern und dich beispielsweise über unseren Film informieren, der das Projekt umfassend beschreibt. Es ist wirklich so: Unsere Fruchtis erleben viele schöne und glückliche Momente mit den Kindern und empfinden das Projekt als sehr erfüllend.

Marcel Lossie
Marcels Tipp für Gründer: „Du solltest Durchhaltevermögen haben und an deine Idee glauben.“ Fotocredit: http://www.paddelproduction.de

Als Unternehmer hast du mit großen Projekten ja Erfahrung. Gin Lossie, Rübe Vodka oder fast4ward sind nur drei Beispiele. Kurz gefragt: Wie bringst du das alles unter einen Hut?

Dazu muss ich etwas weiter ausholen: Ich habe im Einzelhandel gelernt – das war noch im letzten Jahrhundert. Ich habe mich aber früh nebenbei mit dem Thema Veranstaltungen und Veranstaltungsmarketing beschäftigt. 1997 – also zu meiner Abi-Zeit, habe ich dann angefangen diese gratis Postkarten in der Bielefelder Gastronomie zu verteilen. Damals habe ich eh viele Kneipen, Bars und Discos besucht und so war das für mich der ideale Job. Später haben wir dann ein eigenes Display entwickelt, mit dem wir verschiedene Flyer für Events oder Kinoprogramme erstellt haben. Das lief damals noch ganz analog.

Als ich dann vor 20 Jahren bei fast4ward angefangen habe, war das Cafe Europa der erste Club, den wir als Veranstalter begleitet haben. Kurze Zeit später haben wir eine mobile Cocktailbar ins Leben gerufen und so eine Nische innerhalb der Eventbranche für uns entdeckt. Unsere Kunden haben uns dann gefragt, ob wir nicht auch einen DJ, die Dekoration, Servicekräfte oder eine Biertheke anbieten können – eine Art „rund-um-sorglos-Paket“.

So hat sich das Ganze eigentlich stetig weiterentwickelt – bis wir dann eben neben der Logistik auch die Location gestellt haben. Der Lokschuppen oder die Schöne Aussicht sind nur zwei Beispiele. Auf Partys und Events wird natürlich auch gerne mal was getrunken. Da ich aus einer Reformhausfamilie komme, habe ich mich schon immer viel mit Kräutern oder Beeren beschäftigt und meine Leidenschaft für Gin war dann quasi die letzte Zutat für die Idee zu einer neuen Spirituose. So ist dann der Gin Lossie entstanden. Die Gin-Marke haben wir erst nur auf eigenen Events ausgeschenkt. Später sind dann auch zwei, drei Einzelhändler auf Gin Lossie aufmerksam geworden und haben uns gefragt, ob wir nicht ein paar Flaschen mehr für den Verkauf produzieren könnten.

Du hast also dein Hobby zum Beruf gemacht.

Um ehrlich zu sein: Eigentlich mache ich das alles nur, um den Gin-Konsum gegenüber meiner Frau rechtfertigen zu können (lacht). Nein, im Ernst: Gin Lossie ist eine ostwestfälische Marke und aus dem Wunsch heraus, unseren Kunden regionale Spirituosen anbieten zu können ist dann später der Rübe Vodka entstanden – der ja auch eine Grundzutat für den Gin darstellt.

Also war es jetzt gar nicht so, dass du einen konkreten Plan hattest, sondern vieles hat sich dadurch ergeben, dass du die richtige Idee zum richtigen Zeitpunkt hattest?

Geplant war nur, dass ich etwas machen wollte, dass mir Spaß macht. Da habe ich großes Glück gehabt und auch immer mit Leuten zusammengearbeitet, die meine Leidenschaften teilen. Eigentlich war mir schon immer klar, dass ich nicht im Einzelhandel bleiben möchte – auch wenn das eine ganz spannende Branche ist, die ich als Kind der Altstadt sehr schätze.

Hast du Vorbilder, an denen du dich orientiert hast – vielleicht aus der Region?

Vorbilder in beruflicher Hinsicht hatte ich nicht, denn das gab es in der Form gar nicht. Das Thema der Eventveranstaltung ist erst in den letzten Jahre entstanden. Früher, wenn man die Uhr jetzt 20 Jahre zurückdreht, gab es vielleicht Caterings, die gesagt haben „Gut, wir können vielleicht mobil etwas für euch kochen“. Oder es gab einen Verleiher, bei dem man sich die Möbel leihen konnte, und man musste sich die einzelnen Bausteine irgendwie zusammensuchen. Das haben wir eben gebündelt und bieten alles aus einer Hand an.

Es gab aber damals Veranstaltungsorte, für die ich mich besonders interessiert habe. Das PC69 zum Beispiel, für die ich damals Ende der 90er auch die Promotion machen durfte und auch das Elfenbein. Das hat sehr viel Spaß gemacht.

Wenn man das hört, dann klingt das alles nach einer riesigen Erfolgsgeschichte. Hast du ein Projekt auch mal so richtig in den Sand gesetzt?

Naja, auch wir haben klein angefangen. Ich erinnere mich an eine der ersten großen Veranstaltungen. Das war 2006. Damals durften wir bei einem Pitch mitmachen und haben uns gegen eine europaweit agierende Eventagentur durchgesetzt. Das Projekt hatte ein sechsstelliges Budget und wir haben uns von diesen Summen ein wenig blenden lassen. Am Ende haben wir dann zwar nichts draufgelegt, aber auch nicht viel dazugewonnen. Das war eine wertvolle Erfahrung für uns alle (lacht).

Eine steile Lernkurve also.

Ja, auf jeden Fall.

Hast du einen ultimativen Rat für Existenzgründer?

Du solltest Durchhaltevermögen haben und an deine Idee glauben. Mut kann auch nicht schaden und vor allem solltest du bereit sein, viel zu arbeiten. Vom Nichtstun kommt auch nichts.

Also gibt es keine Zauberformel außer der ehrlichen, harten Arbeit?

Genau. Es sei denn, du hast die eine geniale Idee oder so eine Art Monopol. Aber auch dann musst du viel Energie und Herzblut investieren. Wenn ich mal die letzten 20 Jahre Revue passieren lasse, dann hat mir mein Job immer sehr viel Spaß gemacht und ich habe gerne viel Zeit investiert. Mit fast4ward-Gründer Sascha Berg – unserem „Häuptling“ – haben wir auch jemanden an unserer Seite, der allein durch seine längere Lebens- und Berufserfahrung immer gute Ratschläge hat.

Marcel Lossie
„Hätte uns jemand vor drei Jahren gesagt, dass wir wieder gegen den HSV spielen, hätte ich es kaum geglaubt.“ Fotocredit: http://www.paddelproduction.de

Wer dich kennt, weiß, dass du nicht nur leidenschaftlicher Gin-Liebhaber bist, sondern auch Arminia die Treue hältst. Mal ehrlich: Schmeckt dir das Bier auf der Alm?

Ich freue mich, dass Arminia mit Krombacher einen großen Unterstützer aus der Getränkeindustrie hat. Ansonsten trinke ich aber auch gerne mal ein Leineweber-Bier oder das Flutlicht. Aus Bayern kommen auch richtig gute Biersorten. Im Moment mache ich aber jede Menge Sport und verzichte daher öfter auf das Feierabendbier.

Was ist dein Tipp für Arminia Bielefeld diese Saison?

Da wir mit dem Abstieg nichts zu tun haben, bin ich ganz entspannt. Und wenn wir uns weiter im oberen Tabellendrittel bewegen, würde ich mich freuen.

Zweite Liga ist okay? Oder muss es unbedingt die erste Bundesliga sein?

Ich muss sagen, die aktuelle zweite Liga ist durchaus interessant. Hätte uns jemand vor drei Jahren gesagt, dass wir wieder gegen den HSV spielen, hätte ich es kaum geglaubt (lacht). Von daher darf man aktuell zufrieden sein, auch mit den Möglichkeiten. Da möchte ich gerne mal Reiner Calmund zitieren: „Man soll nicht höher pinkeln, als man kann.“ Und ich denke, dass eine solide Nachwuchsarbeit in Bielefeld ganz wichtig ist. Ich finde es sympathisch, wenn auch so genannte Eigengewächse aus der Jugend in die erste Mannschaft kommen. Das würde sicherlich einige freuen. Lieber eine nachhaltige Planung, als die sogenannte Fahrstuhlmannschaft.

Was ist denn deiner Meinung nach eine unterschätzte Qualität von Bielefeld?

Die unterschätzte Qualität der Stadt sind die Menschen, die ja oftmals als stur und hartnäckig beschrieben werden – und als ein wenig dröge. Anders als die Rheinländer zum Beispiel. Ostwestfalen sind aber sehr verlässlich und wenn du mit einem Ostwestfalen Freundschaft geschlossen hast, hält die womöglich auch fürs ganze Leben. Das Nächste ist auf jeden Fall die Landschaft, die oft unterschätzt wird. Man ist ja von der Bielefelder Innenstadt fußläufig in zehn Minuten im Grünen und mit Olderdissen hat die Stadt einen ganz großartigen Tierpark für Familien. Persönlich beschreibe ich Bielefeld immer als ideale Mischung zwischen Groß- und Kleinstadt. An und für sich ist Bielefeld perfekt gelegen. Man kommt überall gut hin, hat – wie ich finde – eine ganz tolle Altstadt und ist ganz schnell im Teutoburger Wald. Da gehe ich auch sehr gerne wandern.

Was ist deine liebste Wanderstrecke?

Das ist eine Teilstrecke des Hermannsweges, von der Burg in Ravensberg, Borgholzhausen. bis nach Olderdissen.

Was würdest du denn ändern, wenn du für einen Tag Oberbürgermeister sein dürftest?

Auf jeden Fall würde ich einführen, dass der öffentliche Nahverkehr für alle Schüler kostenlos ist, sodass dieser viel intensiver genutztwird. Und natürlich würde ich ganz dringend über die Vergnügungssteuer nachdenken, die es einigen Veranstaltungen schwer, wenn nicht sogar unmöglich macht. Das sind Dinge, die mir ganz spontan einfallen. Ansonsten würde ich – auch wegen der neuen Fakultät, die für weitere Zuwanderung sorgen wird – möglichst schnell festlegen, wo Wohnraum geschaffen werden kann. Das sind so Dinge, um vielleicht auch die Mietsituation in Bielefeld zu entspannen.

Marcel, ich danke Dir für das Interview und wünsche Dir für die Zukunft alles Gute!

Du möchtest dich für Fruchtalarm engagieren? Hier findest du zahlreiche Möglichkeiten, wie du dich einbringen kannst.

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