Erfindergeist aus Bielefeld: Wie wir Gebäude endlich umweltfreundlich dämmen können.

Nachhaltigkeit und Umweltschutz: Bei diesen Themen denken viele von uns zuerst an Greenpeace oder Fridays for Future. Dabei kommen auch aus Bielefeld Ideen, wie wir Ressourcen schonen und ökologischer leben können. Mit seiner Erfindung einer schaltbaren Wärmedämmung hat der Bielefelder Sergej Kvasnin eine Technologie entwickelt, mit der Gebäude wesentlich umweltfreundlicher als bisher gedämmt werden können – ganz ohne Styropor oder andere belastete Materialien.

Sergej: Wie steht es deiner Meinung nach um unsere aktuelle Umweltpolitik? 

Es ist gut, dass wir die Umwelt in unsere Diskurse aufgenommen haben. Die Aufmerksamkeit wurde erfolgreich auf das Problem gelenkt, doch Lösungen können nur in größeren Maßstäben einen wirklichen Unterschied machen. Hier sind die Politik und die Wirtschaft gefragt, mehr Tatkraft zu zeigen. Besonders im internationalen Vergleich hängt Deutschland mittlerweile hinterher.

Nach all den Protesten sollte nicht nur ein Echo zu hören sein – Handlungen sind das, was nun folgen muss. Eine klare Strategie und schnelle Entscheidungen sind hier zielführend. Schließlich weiß ich, dass es genug Erfindungen gibt, die sich um Fortschritt bemühen. Diese müssen nun endlich erkannt, gefördert und umgesetzt werden.

Du engagierst dich selbst für den Umweltschutz und hast eine schaltbare Wärmedämmung entwickelt. Um was handelt es sich dabei genau?

Wie der Name sagt, ist die schaltbare Wärmedämmung beweglich. Im Gegensatz zur bisherigen Styropordämmung funktioniert sie aktiv und passiv: Wie bei Rollladen ist die schaltbare Wärmedämmung im passiven Zustand eingerollt und platzsparend verstaut. Aktiviert, rollt sich die Dämmung ab und entfaltet ihre volle Wirkung – dabei ist sie ebenso effizient wie Styropor. Die Flexibilität der Dämmung kommt durch ihren Aufbau zustande. Mithilfe mehrerer, aneinander gereihter Folien entstehen kleine Luftzwischenräume, die summiert hervorragend dämmen und trotzdem beweglich bleiben.

Die Folien haben darüber hinaus spezielle Beschichtungen und funktionieren in etwa so wie Rettungsdecken, nur eben für unsere Häuser. Rettung im Bereich der Gebäudeversorgung haben wir aber dringend nötig. Mit der schaltbaren Wärmedämmung kann im passiven Zustand Sonnenenergie über die Wände aufgenommen werden, denn Steine sind die natürlichsten Wärmespeicher der Welt. So kombinieren Wände Dämmung und Solargewinne und ermöglichen klimaneutrales Wohnen.

Wie ist die Idee dazu entstanden?

Ursprünglich komme ich aus der Baubranche, entschied mich dann aber noch für ein BWL-Studium. Den Erfindergeist hatte ich allerdings schon immer. Mir gefällt die Vorstellung, unabhängig zu arbeiten und meine eigenen Ideen verwirklichen zu können. Als ich mein Eigenheim renovierte, fragte ich mich dann: Wieso verpacken wir unsere Häuser bis zum Anschlag in Styropor, um dann über Solaranlagen doch an Sonnenenergie heranzukommen? Vor der Styropordämmung waren Hauswände dünner und konnten ohne Umwege Energie ins Haus lassen. Diese beiden Vorteile – Solargewinne und Wärmespeicherung – wollte ich kombinieren. Klar war von Anfang an, dass dafür flexibles Material verwendet werden muss. Die aufrollbaren Folien führten mich dann zu meinem persönlichen Heureka-Moment.

Was sind denn die Vorteile der Erfindung gegenüber der klassischen Wärmedämmung?

Mit der schaltbaren Wärmedämmung kann der Energieverbrauch von Häusern enorm gesenkt werden. In der Debatte um Dieselfahrzeuge geht völlig unter, dass die meisten Energieressourcen für unsere Wohnungen genutzt werden. Die Raumwärme stellt hier einen großen Verbrauchsanteil dar. Wenn Wände nun wieder dünner sein könnten und nur dann gedämmt wären, wenn dies auch nötig ist – zum Beispiel in der Nacht – würden auch Wände Solargewinne machen. Sie würden zur Wärmespeicherung beitragen und die Ressourcen schonen.

Ähnlich ist es auch bei Fenstern: Obwohl diese deutlich schmaler sind als unsere Styroporwände, sind die Energieverluste hier nicht viel höher. Wieso? Die Solargewinne gleichen die Wärmeverluste aus. Und mit der schaltbaren Wärmedämmung können die Gewinne ohne Verluste genossen werden.

Nachhaltige Produkte sind oft etwas teurer. Ist die schaltbare Wärmedämmung nur etwas für die oberen 10.000?

Wenn Fortschritt zu teuer ist, schreckt er ab. Mir war deswegen von Anfang an wichtig, ein Produkt zu entwickeln, das für jeden zugänglich und bezahlbar ist. Durch die bekannte Rollladentechnologie ist die Funktionsweise der schaltbaren Dämmung kein völliges Neuland. Stattdessen kombiniert die Erfindung viele bekannte Eigenschaften neu. Das heißt, dass in der Forschung und Entwicklung keine hohen Kosten entstehen. Außerdem ist die schaltbare Wärmedämmung nicht nur etwas für Neubauten. Auch in Mietwohnungen oder alten Häusern kann die schaltbare Wärmedämmung angebracht werden. Die Investition ist geringer als die bei bisherigen Technologien und bringt dennoch nach kurzer Zeit mehr Ersparnisse. Deswegen ist der Kauf nicht nur bezahlbar, sondern auch empfehlenswert – für die Umwelt und die eigene Geldbörse.

Mit der schaltbaren Wärmedämmung möchte Sergej Kvasnin seinen Beitrag zum umweltfreundlichen Bauen leisten.

Erhoffst du dir mehr wirtschaftliche und politische Unterstützung bei der Etablierung von Erfindungen wie deiner? Wie sollte diese aussehen?

Politisch ist in aller Munde, dass wir mehr für unseren Planeten tun müssen. An tatsächlichen Taten mangelt es aber oft. Die Bürokratie erschwert es immens, neue Ideen umzusetzen. Auch aus finanzieller Sicht fehlt oft die Bereitschaft, auf neue Produkte zu vertrauen. Dabei ist eigentlich sehr deutlich, dass wir mit den bisherigen Mitteln niemals ans gewünschte Ziel kommen.

Die meisten Ressourcen verlieren wir nicht im Verkehr, sondern im Wohnbereich – hier muss wieder Bewegung in die Wirtschaft und Politik kommen. Wer neue Wege gehen will, muss bereit sein, neue Dinge zu tun und auszuprobieren. Deswegen sollten Erfindungen in diesem Bereich mehr gefördert werden. Es ist klar, dass es leichter ist, in eine neue Spiele-App zu investieren. Aber hier geht es nicht nur um wirtschaftliche Sicherheit und finanzielle Erfolge. Es geht darum, unseren Kindern eine lebenswerte Welt zu hinterlassen. Als zweifachem Vater ist mir das besonders wichtig.

Sind die Bielefelder offen gegenüber neuen Erfindungen oder sind sie eher zurückhaltend?

Wenn ich von meiner Erfindung erzähle, stoße ich oft auf Begeisterung. Die Idee sei genial, weil sie so simpel und einleuchtend ist. Aber helfen können mir diese Unterstützer nicht wirklich, solange sie nicht selbst in der Forschung oder im Bau tätig sind – oder über die entsprechenden finanziellen Mittel verfügen.

Bevor die schaltbare Wärmedämmung auf dem Markt erscheinen kann, muss sie noch einige Phasen durchlaufen, die von Forschungsinstituten und Bauunternehmen geleistet werden müssen. Mein Prototyp steht, aber als Ein-Mann-Armee komme ich an dieser Stelle natürlich an meine Grenzen. Die Institution Fraunhofer ISE hat bereits die Wirksamkeit der schaltbaren Wärmedämmung nachgewiesen. Der wissenschaftliche Beweis für den Erfolg der Erfindung ist demnach gegeben. Jetzt fehlt nur noch jemand, der die Forschung ausbaut und die Produktentwicklung einleitet.

Was motiviert dich, trotz aller Schwierigkeiten am Ball zu bleiben?

An erster Stelle: Meine Familie. Als Ehemann und Vater sehe ich meine Inspirationsquelle zu Hause. In schweren Phasen bekomme ich hier den nötigen Rückhalt und viel Unterstützung. Natürlich ist es manchmal schwer, seine Träume zu verteidigen, wenn so viele Probleme auf einen warten. Doch für meine Kinder, ihre Zukunft und die Umwelt sind es mir all die Strapazen wert.

Ich habe das Vertrauen, Gehör zu kriegen, wenn uns die Ressourcen ausgehen. Die Politik hat auf lange Sicht keine Wahl, als sich zu wandeln und neu zu orientieren. Gerade bei den letzten Wahlen und den Protesten von Fridays for Future wird deutlich, dass die Stimmen für eine bessere Umweltpolitik immer lauter werden.

Zum Schluss zwei Fragen zu Bielefeld: Was ist deiner Meinung nach eine unterschätzte Qualität der Stadt?

Mir gefällt an Bielefeld, dass es hier relativ ruhig und sicher ist. Mit diesem Wissen kann man als Vater nachts besser schlafen. Dennoch hat man alle Möglichkeiten der Welt: Ob Schwimmbad, Kino oder Spaziergang im Teutoburger Wald – es bieten sich viele Freizeitaktivitäten an.

Gerade mit unserem Familienhund genießen wir auch die ruhigeren Gebiete, in denen man einfach mal durchatmen kann. Außerdem ist OWL wirtschaftlich stark aufgestellt. Mit all den Unternehmen gibt es viele interessante Arbeitgeber in Bielefeld und in der Umgebung. Natürlich freue ich mich auch über das breite Fächerspektrum an den Hochschulen in Bielefeld. Wenn die medizinische Fakultät in der Universität einzieht, sehe ich keinen Grund mehr, die Stadt verlassen zu müssen.

Angenommen, du könntest für einen Tag Oberbürgermeister von Bielefeld sein, was würdest du ändern wollen?

Neben der politischen Förderung von Umweltprojekten würde ich mich über mehr Digitalisierung im Rathaus freuen. Viele der Prozesse benötigen eigentlich keine persönliche Anwesenheit und könnten über bestimmte Kennziffern online laufen. Das würde viel Zeit sparen. Gerade für die Zukunft sehe ich hier noch Verbesserungsmöglichkeiten. Außerdem würde ich mich über mehr öffentliche Mülleimer und Bänke freuen. Das würde Spaziergänge mit dem Hund noch schöner machen.

Sergej, ich danke dir für das Interview und wünsche dir viel Erfolg mit der Erfindung!

Du möchtest mehr über die umweltfreundliche Dämmung erfahren? Auf der Website von Sergej findest du alle Infos.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Erstellt mit WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: