120 Jahre Hilfe in allen Lebenslagen – Die Bahnhofsmission Bielefeld

Eine Kleinigkeit zu Essen, Hilfe bei der Suche nach einem sicheren Schlafplatz oder einfach ein offenes Ohr: Mehr als 120 Menschen besuchen jeden Tag die Bahnhofsmission Bielefeld. Josefine Georgi ist seit drei Jahren für die Bahnhofsmission aktiv. Im Interview spricht sie über den Alltag in einer Einrichtung, die viele von uns übersehen und die doch eine wichtige Bedeutung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt in unserer Stadt hat. 

 

Josefine, warum braucht Bielefeld eine Bahnhofsmission?

Wow (lacht). Also ich finde, die Bahnhofsmission ist ein ganz wichtiger Ort an einem zentralen Punkt der Stadt. Hier werden soziale und gesellschaftliche Trends sichtbar. Beispiele sind die Einwanderung aus Osteuropa oder die Flüchtlingskrise 2015. Der Bahnhof war schon immer ein Ort, der den Wandel abgebildet hat – auch vor 120 Jahren, als die Bielefelder Bahnhofsmission gegründet wurde.

Was war denn die Idee hinter der Bahnhofsmission?

Damals war die Industrialisierung im vollem Gange und die Idee hinter der Bahnhofsmission war, dem drohenden Sittenverfall entgegenzuwirken. Zu der Zeit kamen viele junge Menschen nach Bielefeld, um hier in der Textilindustrie zu arbeiten. Das einfache Dorfmädchen sollte

vor den Verlockungen der bösen Stadt geschützt werden (lacht). Die Frage war also: Wie können wir diese Mädchen schützen und wo erreichen wir sie am besten? Die Antwort lautete: Dort, wo sie zum ersten Mal den Fuß auf Bielefelder Boden setzen: Am Bahnhof.

Die Bielefelder Bahnhofsmission existiert bereits seit 120 Jahren. Quelle: Diakonie Bielefeld gGmbH

Obwohl ich öfter am Bahnhof bin, ist mir die Bahnhofsmission nie so richtig ins Auge gefallen…

Hier ist es ja auch sehr überfüllt und bei all den Menschen werden wir schnell übersehen. Wir sind eine Art Ruhepol inmitten der Hektik und Anonymität. Hier ist ein persönlicher Kontakt möglich und die Bahnhofsmission bildet einen großen Kontrast zur restlichen Umgebung.

Wie viele Mitarbeiter hat denn die Bielefelder Bahnhofsmission?

Insgesamt engagieren sich hier 33 Menschen – davon sind 32 ehrenamtlich und einer als Bundesfreiwilligendienstleistender tätig. Ich bin quasi die einzige hauptamtliche Stelle, die für die Bahnhofsmission fest arbeitet. Mich unterstützt dann noch eine Kollegin mit rund dreieinhalb Wochenstunden. Du siehst: Ohne Ehrenamt gäbe es die Bahnhofsmission nicht. Es ist übrigens auch möglich, ein Praktikum bei uns zu absolvieren. Einige Studenten der Uni Bielefeld und der Fachhochschule sind so zu uns gekommen und nach dem Praktikum als Ehrenamtliche bei uns geblieben.

Woher kommen die Menschen, die sich hier engagieren?

Den typischen Ehrenamtlichen gibt es bei uns nicht. Hier arbeitet der langjährige Hartz IV-Empfänger gemeinsam mit dem Leiter eines Chemielabors. Es geht hier um die Sache und alle ziehen an einem Strang. Wir sind eine total bunt gemischte Truppe und verstehen uns trotzdem – oder gerade deshalb – sehr gut. Man verlässt hier auch ein Stück weit die eigene Filterblase. Und ich denke, das tut jedem von Zeit zu Zeit ganz gut.

Und dein eigener Weg hierhin?

Der war ziemlich holperig. Ich hatte schon immer großen Respekt davor, wie Menschen ihr Leben meistern. Gerade dann, wenn sie Schicksalsschläge hatten. Ich habe dann zwei Jahre in einem Wohnheim für psychisch erkrankte Menschen gearbeitet und fand diese Zeit unglaublich spannend. Irgendwann wollte ich aber gerne etwas anderes machen und habe dann unter anderem in einem Altersheim gearbeitet. Da habe ich aber schnell gemerkt, dass das nicht so meins ist. Danach hatte ich mich bei der Diakonie für Bielefeld auf eine Stelle beworben, bei der es um die Arbeit mit Straffälligen ging. Damals habe ich eine Absage erhalten – später aber den Hinweis bekommen, dass die Bahnhofsmission Mitarbeiter sucht. Der Beginn hier war dann ein wenig der Sprung ins kalte Wasser und ziemlich anstrengend. Für die Einarbeitung war nur eine Woche Zeit und dann musste ich loslegen (lacht). Heute liebe ich den Job.

Josefine Georgi ist Ansprechpartnerin für alle ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bahnhofsmission. Quelle: Diakonie Bielefeld gGmbH

Was sollte man mitbringen, um sich bei euch zu engagieren?

Viel innere Ruhe. Einige Gäste sind etwas chaotisch und daher sollte man selbst eine gewisse Gelassenheit ausstrahlen. Auch, weil die Arbeit psychisch sehr belastend sein kann. Wer anderen nur helfen möchte, um sich selbst besser zu fühlen, ist hier falsch. Man muss sich auch abgrenzen können.

Und eure Gäste? Stimmt das Klischee des Obdachlosen, der bei der Bahnhofsmission Hilfe sucht?

Das Klischee stimmt. Und es stimmt nicht. Täglich kommen etwa 120 Menschen zu uns. Die meisten davon sind tatsächlich bedürftig – weil sie unter Geldnot leiden, hungrig sind oder keinen Schlafplatz haben. Manche sind auch drogenabhängig. Und dann kommen auch Menschen zu uns, die „nur“ einsam sind und einfach ein persönliches Gespräch suchen. Da wir direkt am Bahnhof sind, suchen uns natürlich auch viele Reisende auf – von jung und agil bis hin zu alt und gebrechlich. Von 25.000 Menschen im Jahr die zu uns kommen, sind aber nur gut 1.000 Menschen Reisende. Eigentlich bin ich selbst immer wieder überrascht, wer zu uns in die Bahnhofsmission kommt. Die Bandbreite ist wirklich riesig und teilweise frage ich mich dann „okay – aber wie haben sie ausgerechnet zu uns gefunden“ (lacht).

Kannst du ein Beispiel nennen?

Erst letzte Woche war eine ältere Dame bei uns. 83 Jahre alt. Sie hatte vor Jahren Kehlkopfkrebs und sie war nur sehr schlecht zu verstehen. Sie kam zu uns, weil sie unbedingt nach Bünde reisen wollte, um sich dort eine neue Perücke zu kaufen. Sie hat sich aber alleine nicht getraut und kam deshalb zur Bahnhofsmission. Bis wir überhaupt verstanden hatten, was sie eigentlich von uns wollte, hat es schon einige Zeit gedauert.

Wir sind dann ins Gespräch gekommen und haben erfahren, dass sie sich mit ihrer Familie überworfen hat, keinen Führerschein besitzt und die Perücke auf Rezept bekommen hat. Deshalb musste sie mit dem Zug nach Bünde, wusste aber nicht, wie sie dort vom Bahnhof zu dem Geschäft kommen sollte. Ein Taxi hätte sie nicht bezahlen können. Wir haben dann ein Perückengeschäft in Bielefeld gefunden, für sie dort angerufen und die Situation erklärt.

Ein anderes Beispiel ist eine Dame, die nur sehr schlecht Deutsch spricht. Sie hat einen behinderten Sohn und wir helfen ihr bei dem Papierkram – etwa, wenn sie etwas für die Behörden ausfüllen muss.

Also ist die Arbeit hier sehr abwechslungsreich?

Es ist schon eine besondere, aber auch herausfordernde Tätigkeit. Wir haben es hier natürlich oft mit Menschen zu tun, die etwas kompliziert im Umgang sind und manchmal ist es schwer erträglich. Aber die schönen Momente überwiegen eindeutig. Wir erleben viel Dankbarkeit. Gerade, wenn wir in Situationen der Trauer helfen oder zumindest zuhören können. Da sind teilweise schon heftige Schicksalsschläge dabei und wir sehen Menschen, deren Leben einfach komplett in die falsche Richtung gelaufen ist. Wenn beispielsweise ein Mädel von ihrem Freund aus der Wohnung geschmissen wurde und nicht weiß wohin, helfen wir. Und dieses Gefühl, etwas bewegt zu haben, macht glücklich. Leider gibt es auch Fälle, in denen wir nicht helfen können. Es darf aber jeder kommen und wir versuchen wirklich alles Menschenmögliche.

Ihr verteilt auch Lebensmittel?

Ja. Aber häufig kommen unsere Gäste gar nicht wegen dem Essen. Sie suchen eher den Kontakt. Oft fragt jemand nach einem Käsebrot und wenn er es dann hat, wird kurz geseufzt und man erfährt, was den Menschen wirklich bedrückt. Oft ist es nicht der Hunger, sondern eher ein seelisches Problem. Die einfache Frage „Mensch, wie geht’s dir denn?“ kann da schon der Einstieg in ein langes und intensives Gespräch sein. Einige Gäste erzählen dann, dass sie überfallen wurden oder dass ein Familienmitglied gestorben ist. Wir nehmen uns dann auch gerne die Zeit für ein längeres Gespräch.

Woher bekommt ihr die Lebensmittel?

Meist über Spenden. Das ist allerdings nicht so einfach. Unsere Räumlichkeiten sind nicht besonders groß und das erschwert die Lagerung von Lebensmitteln oder Textilien – allein schon aus Brandschutzgründen. Die meisten Lebensmittel erhalten wir über die Bielefelder Tafel.

Was wäre denn die ideale Sachspende für euch?

Die gibt es so nicht. Wenn ich dir jetzt eine nenne, kommen morgen vielleicht 100 Menschen mit genau dieser einen Sache (lacht). Was wir aber eigentlich immer gebrauchen können sind Hygieneprodukte oder auch Süßigkeiten. Das sind Produkte, die keine Kühlkette haben und sich ewig halten. Super sind auch Rucksäcke oder Schlafsäcke. Unsere Gäste tragen ihr Leben eben häufig auf dem Rücken. Decken sind hingehen zwar gut gemeint, aber nicht wirklich für eine Nacht auf der Straße geeignet. Sie werden schnell klamm und dann kühlt man sehr schnell aus. Das gleiche gilt für Sommerschlafsäcke. Im Winter reichen diese Modelle einfach nicht, täuschen aber ein sicheres Gefühl vor. Deshalb gebe ich im Winter keine Sommerschlafsäcke aus. Im Sommer ist dann eher Dehydrierung ein Problem. In der Hitze trinken gerade Obdachlose zu wenig Wasser und in Bielefeld gibt es ja kaum öffentliche Brunnen mit Trinkwasser.

Im Team der Bielefelder Bahnhofsmission engagieren sich rund 30 ehrenamtliche Mitarbeitende. Quelle: Diakonie Bielefeld gGmbH

Und finanzielle Spenden? Erhaltet ihr genug Unterstützung?

Leider nein. Es ist eigentlich immer ein ziemlicher Kampf. Die Stadt Bielefeld trägt einen Teil unserer Kosten. Ohne zusätzliche Spenden würden wir die Bahnhofsmission aber nicht betreiben können. Unsere Träger, die Diakonie für Bielefeld und der Caritasverband Bielefeld tragen den Großteil unserer Kosten aus eigenen Mitteln. Eigentlich müssten wir hier auch mehr Mitarbeiter beschäftigen, aber dafür ist kein Geld da.

Eure Räumlichkeiten sind ja wie du gesagt hast eher begrenzt: Wo schlafen die Menschen, die zu euch kommen, weil sie Obdachlos sind?

In der Bahnhofsmission selbst kann man nicht übernachten. In Bielefeld gibt es aber vier Notunterkünfte, die Betten anbieten: Für Frauen, Männer, Familien und Menschen aus Osteuropa. Teilweise stellen wir dann den Kontakt her, melden die Gäste vorher an und zeigen natürlich auch den Weg. Welcher Bielefelder weiß denn schon, wo Notunterkünfte sind?

Zu euch kommen ja auch Gäste, die alkoholisiert sind oder unter Drogen stehen. Wie schützt ihr euch vor aggressiven Menschen?

Wer uns besuchen möchte, muss zunächst eine Klingel betätigen. Vorher öffnet sich die Eingangstür nicht. Wenn wir dann sehen, dass da jemand ist, der sich schon einmal schwierig verhalten hat, gehen wir eher vor die Tür und sagen freundlich, aber bestimmt, dass diese Person hier erst einmal nicht mehr erwünscht ist. Wir sind hier auch nie allein, sondern arbeiten immer im Team. Und wenn gar nichts mehr geht, haben wir die Möglichkeit die Bundespolizei am Bahnhof zu verständigen. Die sind dann innerhalb weniger Sekunden bei uns. Das müssen wir aber zum Glück nur sehr selten in Anspruch nehmen. Ich hatte in den drei Jahren, die ich hier arbeite, eigentlich nur eine Auseinandersetzung, die drohte in körperliche Gewalt auszuarten. Da wurden Gegenstände geworfen und Ähnliches. Dabei blieb es aber dann und wir konnten die Situation lösen. Verbale Gewalt wie Beleidigungen oder Drohungen kommt weitaus häufiger vor.

Du hast schon gesagt, dass ihr auch eine Art Kummerkasten seid. Aber wie verarbeitet ihr denn selbst unangenehme Erfahrungen?

Wir reden viel miteinander im Team, tauschen uns aus und ein gewisser Galgenhumor hilft auch (lacht). Wenn uns also was belastet, sind wir füreinander da und im schlimmsten Fall holen wir auch einen Seelsorger dazu.

Du erlebst Bielefeld ja jeden Tag von einer sehr speziellen Perspektive. Was ist denn deiner Meinung nach, eine unterschätzte Qualität der Stadt?

Bielefeld ist klein und trotzdem irgendwie sehr groß. Die Stadt hat etwas sehr Offenes. Es gibt hier viele Menschen und Initiativen, die sich engagieren und dieses Soziale macht Bielefeld aus.

„Bielefeld ist klein und trotzdem irgendwie sehr groß. Die Stadt hat etwas sehr Offenes. Es gibt hier viele Menschen und Initiativen, die sich engagieren und dieses Soziale macht Bielefeld aus.“ Quelle: Diakonie Bielefeld gGmbH

Und wenn Du für einen Tag Oberbürgermeisterin sein könntest: Was würdest Du sofort ändern oder umsetzen?

Ich würde den sozialen Wohnungsbau vorantreiben. Der Bedarf in Bielefeld ist einfach riesig und Wohnungsnot ein echtes Problem.

 

Das Engagement der rund 30 Mitarbeitenden und Ehrenamtlichen wäre ohne Spenden nicht möglich. Wenn du helfen möchtest, kannst du dies über die folgenden Spendenkonten der Diakonie und der Caritas tun.

Diakonie für Bielefeld gGmbH 
Sparkasse Bielefeld
IBAN: DE52 4805 0161 0066 0029 99
BIC: SPBIDE3BXXX
Stichwort: Bahnhofsmission Bielefeld

Caritasverband Bielefeld e.V.
Bank für Kirche und Caritas
IBAN: DE97 4726 0307 0010 5806 00
BIC: GENODEM1BKC
Stichwort: Bahnhofsmission Bielefeld

 

 

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