Interview mit Frau Hauptfeldwebel Nancy Uhlemeyer

„Ich hatte nie Lust auf einen normalen Bürojob.“ – Frau Hauptfeldwebel Nancy Uhlemeyer ist Berufssoldatin und war bereits zwei Mal mit der Bundeswehr in Afghanistan. Mit ihr habe ich über die Gefahren des Auslandseinsatzes, fehlende Anerkennung für Soldaten und den Alltag bei der Bundeswehr gesprochen.

 

Der Beruf des Soldaten gilt ja noch immer als klassischer Männerberuf. Was hat dich bewogen, zur Bundeswehr zu gehen?

Ich habe mich schon mit 14 Jahren für die Bundeswehr interessiert. Später haben dann viele Freunde ihren Grundwehrdienst geleistet. Ihre Erzählungen fand ich unglaublich spannend. Hinzu kommt: Ich wollte schon immer einen Job haben, den nicht jeder macht. Zunächst habe ich die Idee aber wieder verworfen, weil dann auch Berichte vom Biwak im kalten Winter kamen und das hat mich eher abgeschreckt (Anm. Beim Biwak verbringen die Soldatinnen und Soldaten mehrere Tage und Nächte im Freien in behelfsmäßig errichteten Lagerstätten, z.B. auf Truppenübungsplätzen). Ich habe also erst eine Ausbildung zur Chemielaborantin gemacht, fand aber keine Stelle. Eines Tages habe ich dann gesehen, dass die Bundeswehr Chemielaboranten für die ABC-Abwehrtruppe sucht und habe mich beworben. So bin ich dann im Jahr 2005 doch zur Bundeswehr gekommen.

Wie hat denn dein Umfeld reagiert, als klar wurde, dass du zur Bundeswehr gehen möchtest?

Eigentlich waren alle ganz angetan. Negative Reaktionen habe ich nicht erlebt. Meine Mutter zum Beispiel war sehr stolz, dass ich keinen „08/15-Job“ machen wollte.

Du versiehst aktuell deinen Dienst in der Generalstabsabteilung 4 des Stabes der Panzerbrigade 21 in Augustdorf. Kannst du kurz beschreiben, wie dein Arbeitsalltag aussieht?

Ich bin unter anderem für die Materialbewirtschaftung zuständig. Dazu gehört auch, dafür zu sorgen, dass die Einheiten der Brigade ausreichend Ausrüstung zur Verfügung haben. Vom Kugelschreiber bis zum LKW kann ich alles beschaffen (lacht).

Vorher warst du acht Jahre bei den Gebirgsjägern. Vermisst du die Zeit bei der Einheit?

In Berchtesgaden nahm Sport einen viel größeren Raum ein. Ich habe bei den Gebirgsjägern Skifahren gelernt oder habe mit den Kameraden im Sommer Bergtouren unternommen. Natürlich haben wir auch im Winter viel Zeit im Biwak verbracht – unter anderem auf 1.800 Metern Höhe. Ich war aber auch damals für die Materialbewirtschaftung zuständig und daher ist mein Alltag heute eigentlich gar nicht so anders. Nur das ich mich damals in der Logistik zum Beispiel um die Hägglunds (Anm. Schneekettenfahrzeuge) gekümmert habe.

Du warst auch zwei Mal in Afghanistan?

Genau. Zwischen 2008 und 2009 und dann noch einmal zwischen 2010 und 2011.

Was ist dir aus dieser Zeit in Erinnerung geblieben?

Die Kameradschaft und der Zusammenhalt. Das war auch der Grund, weshalb es mir damals so schwerfiel, von den Gebirgsjägern wegzugehen. Man wächst während eines Auslandseinsatzes einfach ganz anders zusammen und lernt sich anders kennen, geht auch ganz anders aufeinander ein. Gerade wenn man an einem Ort weit weg von Zuhause im Einsatz ist, sind die Kameraden eine zweite Familie. Im letzten Einsatz haben wir leider nicht alle Kameraden mit nach Hause gebracht. Das ist etwas, dass mich natürlich nach wie vor beschäftigt. Eigentlich war der Einsatz damals fast beendet und plötzlich gab es einen Anschlag. Ein afghanischer Soldat hat dabei wild um sich geschossen und vier unserer Kameraden getötet.

Bundeswehr Afghanistan
„Angst ist immer dabei.“ – Zwei Mal war Nancy mit der Bundeswehr in Afghanistan.

Hast du daraufhin den Einsatz oder sogar deinen Beruf angezweifelt oder hinterfragt?

Nein, dass habe ich nicht. Ich habe damals nur darüber nachgedacht, dass es noch viel schlimmer hätte kommen können. Wir haben dem afghanischen Soldaten vertraut, er war bewaffnet und wenn er gewollt hätte, hätte er auch in ein 16-Mann Zelt gehen und alle töten können.

Ist Angst also ein ständiger Begleiter im Einsatz?

Ja. Angst ist immer dabei. Mein heutiger Mann war damals ebenfalls im Einsatz und natürlich hatte ich jedes Mal wenn er außerhalb des Camps unterwegs war, sehr gemischte Gefühle.

Wie muss man sich die Atmosphäre im Camp vorstellen?

Die Soldaten untereinander nennen es den „offenen Vollzug“ und ich glaube, das beschreibt es ganz gut (lacht). Das Camp ist ein riesiges Lager und war damals sicher 12 Quadratkilometer groß. Du kannst dich schon relativ frei bewegen, aber bist natürlich immer in Uniform, hast von montags bis sonntags Dienst – und zwar mindestens von 8 Uhr Morgens bis 8 Uhr Abends. Mal eben ins Kino oder Essen gehen, ist im Auslandseinsatz natürlich nicht möglich. Da kann ein halbes Jahr schon sehr lang werden. Seltsamerweise vermisst man ganz banale Dinge aber viel mehr. Ich zum Beispiel wollte unbedingt endlich mal wieder eine Jeans tragen. Ich bin dann von Tür zu Tür gegangen und habe jeden gefragt, ob er mir eine Jeans ausleihen kann, die ich dann zumindest auf meiner „Butze“ (Anm.: Im Einsatz sind die Soldatinnen und Soldaten in Wohncontainern untergebracht) hätte tragen können (lacht). Ich hätte auch gerne einfach zwischendurch mal Dinge gegessen, auf die ich Heißhunger hatte.

Ist es dir nach den Einsätzen schwergefallen, dich wieder an den Alltag in Deutschland zu gewöhnen?

Ich war nach den Einsätzen relativ lange im Urlaub – zum Beispiel auf den Malediven – und habe zwei Wochen abgeschaltet. Kein Radio, Kein TV – nur ein paar Bücher und Sonne. Sich danach wieder zu motivieren, mit dem Einsatz im Hinterkopf, ist schon nicht ganz leicht. Teilweise müssen sich auch die Kameraden, die nicht im Einsatz waren, wieder an einen gewöhnen und umgekehrt.

Wie haben denn die afghanischen Männer und Frauen auf eine weibliche Soldatin reagiert?

Ich selbst habe keine abwertende Bemerkung gehört, aber natürlich haben Frauen dort eine ganz andere Stellung als in Deutschland und gehen zum Beispiel kaum arbeiten. So haben beispielsweise die Männer unser Büro gereinigt (Anm.: zivile Reinigungskräfte) Ich bin immer freiwillig rausgegangen, weil ich das Gefühl hatte, dass es für beide Seiten eine unangenehme Situation ist.

Mal vom Auslandseinsatz abgesehen: Was gefällt dir an deinem Beruf besonders?

Der Beruf ist unglaublich abwechslungsreich. Ich hatte nie Lust auf einen ganz normalen Bürojob. Man geht zum Sport, man geht auf den Schießplatz und sitzt eben nicht nur rum. Die Karrieremöglichkeiten beim Bund sind auch sehr vielfältig. Selbst man sich nicht zum Berufssoldaten eignet, sind die Chancen auf dem Arbeitsmarkt danach nicht schlecht. Die Weiterbildungsmöglichkeiten sind auch sehr gut. Mein Mann, der ja auch Soldat ist, hat beispielsweise sein Fachabi gemacht und beim Bund studiert.

Generalfeldmarschall-Rommel-Kaserne
In der Augustdorfer Generalfeldmarschall-Rommel-Kaserne sind rund 2.500 Soldaten sowie ca. 250 zivile Mitarbeiter stationiert.

Du selbst bist Berufssoldatin?

Ja, aus den oben genannten Gründen, aber auch, weil der Beruf finanzielle Sicherheit bietet – allein durch den Familienzuschlag. Etwas Vergleichbares gibt es in der freien Wirtschaft so nicht. Die Bundeswehr ist eh ein sehr moderner und familien-freundlicher Arbeitgeber. Homeoffice und Teilzeit sind hier schon länger ein Thema.

Dein Mann ist ebenfalls Soldat. Ist das beziehungstechnisch eher ein Vorteil oder ein Nachteil?

Eigentlich hat es nur Vorteile. Das Verständnis füreinander ist besser. Wenn ich zum Beispiel auf Übung muss oder am Wochenende zum Wachdienst eingeteilt bin, kennt er das und reagiert nicht vorwurfsvoll. Natürlich kann man sich auch Zuhause besser ab und an mal Frust von der Seele reden, wenn der andere weiß, wovon man spricht. Einem „zivilen“ Partner müsste ich erst einmal erklären, was ein Spieß oder ein Kompanietrupp ist, damit er mich versteht. Auch das wir beide zeitgleich im Einsatz waren, hatte Vorteile. So musste keiner Zuhause auf den anderen warten. Beim zweiten Einsatz gab es allerdings die Einschränkung, dass ich genau wusste, was er im Einsatz tut. Er war so eine Art Personenschützer vom Kommandeur und einem entsprechenden Risiko ausgesetzt. Wenn dann im Lager ab und an der Alarm losging, rutschte mir natürlich sofort das Herz in die Hose und ich hatte Angst, dass ihm etwas passiert sein könnte.

Gab es denn oft Alarm?

Es gab öfter Situationen, in denen innerhalb des Lagers sämtliche Telefone und Handynetze abgeschaltet wurden. Das war eigentlich immer ein Zeichen dafür, dass etwas passiert ist und keine Informationen nach außen dringen dürfen. Dann gab es auch viele kontrollierte Sprengungen außerhalb des Lagers. Gleich an meinem ersten Abend in Afghanistan saßen wir abends im Zelt und hörten es auf einmal nur noch knallen. Ich habe dann meinen Hauptfeldwebel angeschaut und gefragt, was los ist. Er hat nur gesagt: „Das willst du gar nicht wissen.“ Erst am nächsten Tag haben wir dann erfahren, dass es sich bei dem Knall um eine kontrollierte Sprengung gehandelt hat.

Bundeswehr
„Ich habe mich schon mit 14 Jahren für die Bundeswehr interessiert. “ – In Augustdorf arbeitet Nancy in der Generalstabsabteilung 4 des Stabes der Panzerbrigade 21.

Mal angenommen, du dürftest für eine Tag Verteidigungsministerin sein: Was würdest du sofort tun?

Ein Tag würde da wahrscheinlich nicht reichen. Ich würde vor allem dafür sorgen, dass die Kameraden endlich alles an Ausrüstung erhalten, was sie brauchen. Gebirgsjägerrucksäcke und ordentliche Kampfstiefel für alle (lacht).

Also stimmt das Klischee von der schlecht ausgerüsteten Armee?

Ich würde nicht sagen, dass die Bundeswehr grundsätzlich schlecht ausgerüstet ist. Ich denke dabei aber eher zuerst an Kleinigkeiten wie ordentliche Winterunterwäsche. Der Baumwoll-Feinripp von früher sollte so langsam mal ausgetauscht werden.

Glaubst du, dass die Bundeswehr genügend gesellschaftliche Anerkennung erhält?

Nein. Die Bundeswehr existiert für viele ein wenig abseits der Gesellschaft. Viele Menschen glauben vielleicht, dass wir uns langweilen, wenn wir nicht gerade im Einsatz sind und negative Ereignisse, die bei der Bundeswehr – wie in jeder anderen Organisation auch passieren – werden durch die Medien besonders intensiv beachtet. Positive Berichte gibt es eigentlich kaum und das ist sehr schade, denn es gäbe genügend zu erzählen. Die Bundeswehr wird aber meiner Meinung nach vor allem in Norddeutschland  weniger geschätzt. In Berchtesgaden habe ich mich auch nach Dienstschluss in Uniform nie unwohl gefühlt. Hier überlege ich mir drei Mal, ob ich in der Mittagspause in Uniform einkaufen fahre oder was essen gehe.. Das ist in Bayern ganz anders. Da ist es auch normal, eine Deutschlandflagge im Garten stehen zu haben. Hier macht man sich dadurch gleich fast schon verdächtig.

Nancy, ich danke dir für das spannende Interview und wünsche dir für deine Zukunft alles Gute!

Mehr über die Bundeswehr und die verschiedenen Karrieremöglichkeiten erfährst du auf der Website der Bundeswehr.

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