Bundestagsabgeordnete Wiebke Esdar – Bielefelds Stimme in Berlin

Dr. Wiebke Esdar ist Mitglied des Bundesvorstands der SPD und vertritt seit September 2017 Bielefeld im Bundestag. Im Interview spricht sie über ihre Ablehnung der großen Koalition, Horst Seehofer und wieso sich die politische Streitkultur ändern muss.

 

Viele Menschen interessieren sich gerade in jungen Jahren für Politik. Wann war für dich klar, dass du Politik zum Beruf machen möchtest?

Erst sehr spät. Während des Studiums habe ich mich für zwei Auslandssemester in Paris und Halifax entschieden und erlebt, wie Hochschule funktionieren kann. Zurück in Bielefeld habe ich mich dann in der Hochschulpolitik engagiert und bin so in die Kommunalpolitik gekommen. Später habe ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni gearbeitet und dort auch promoviert.

Zu dieser Zeit ist mein ehrenamtliches Engagement in der SPD stärker in den Vordergrund gerückt und vor Wahlen kam dann öfter die Frage auf „Wer tritt denn für uns in Bielefeld an?“ Ich habe schließlich ehrenamtlich den Parteivorsitz der SPD in Bielefeld übernommen und war dann 2017 auch Kandidatin für den Bundestag.

Das klingt nicht so, als hätten sich alle Parteimitglieder um die Kandidatur gerissen…

Wenn eine realistische Chance besteht, gewählt zu werden, ist die Kandidatur natürlich schon attraktiv. Es gab neben mir also noch zwei andere Mitglieder, die sich die Kandidatur zugetraut hätten. In Bielefeld ist die Wahl zwar auch als SPD-Kandidat kein Selbstläufer, aber die Chancen stehen zumindest nicht schlecht und letzten Endes hat es ja auch geklappt.

Anders sieht es beispielsweise bei den Europawahlen aus. Wer hier nicht fest daran glaubt, gewählt zu werden, möchte in der Regel auch nicht antreten. Eine Kandidatur ist zudem auch immer mit viel Arbeit und mit Stress verbunden, den sich so nicht jeder im Alltag antun möchte oder kann.

Wiebke Esdar
Wiebke engagiert sich seit dem Jahr 2005 in der SPD. Foto@Pat Röhring

Wann bist du eigentlich in die SPD eingetreten?

Ich bin 2005 mit 21 Jahren in die Partei eingetreten.

Und ich dachte immer, wer in der Politik Karriere machen möchte, muss schon mit 16 auf jedem Parteifest dabei sein.

(Lacht) Es geht auch anders. Ich bin wie gesagt erst mit 21 in die Partei eingetreten und habe später an der Hochschule, also nach dem Abi, gemeinsam mit zwei Freundinnen die Juso-Hochschulgruppe gegründet. Mir war aber schon viel früher klar, dass die SPD genau die Werte vertritt, die mir wichtig sind.

Politik liegt bei dir in der Familie. Dein Großvater war auch in der SPD?

Genau, mein Großvater war Kommunalpolitiker, hat aber damit aufgehört, als ich etwa zehn Jahre alt war. Als ich zwölf wurde, ist er gestorben. Ich kann mich aber an zwei Dinge sehr gut erinnern: Wenn er Geburtstag feierte, kamen jedes Mal sehr viele Gäste und in seinem Schweinestall lagerten alte Plakate, die wir als Kinder dann mit beiden Armen tief im Kleber, für die Kommunalwahl vorbereiteten. Damals wurden die Plakate ja noch ganz klassisch gekleistert. An politische Diskussionen kann ich mich heute aber leider nicht mehr erinnern.

Mal Hand aufs Herz: Ist Kommunalpolitik nicht oft auch extrem ermüdend und banal? Oder anders: Bist du froh, nun in der Bundespolitik zu arbeiten?

Ich kann dieses Bild und diese Wahrnehmung total nachvollziehen. Wenn ich es mir aber aussuchen könnte, würde ich gerne beides – Bundes- und Lokalpolitik – miteinander kombinieren. Ich habe meinen Rücktritt aus dem Stadtrat auch sehr bedauert, aber ich sitze jetzt im Bundestag, möchte mich auf eine Sache konzentrieren und diese bestmöglich erledigen. Für beides fehlt mir einfach die Zeit. Außerdem: Kommunalpolitik ist wichtig und darf nicht halbherzig gemacht werden.

Ich bin aber sehr dankbar für die Zeit als Kommunalpolitikerin und habe dabei auch sehr viel gelernt, was mir nun in Berlin weiterhilft. Wer verstanden hat, worauf es bei der Kommunalpolitik ankommt, versteht auch die großen Zusammenhänge – etwa beim Ausbau der Verkehrsinfrastruktur – besser. Ich würde auch nicht sagen, dass in Berlin alles besser läuft, als auf kommunaler Ebene. Die Diskussionen im Stadtrat habe ich, im Vergleich zu Debatten im Bundestag oder in den Ausschüssen, oft als viel lebhafter und ergiebiger empfunden.

Ich kann verstehen, wenn Leute denken, dass Kommunalpolitik langweilig ist, weiß aber, dass das politische Gestalten auf lokaler Ebene extrem spannend und befriedigend sein kann. Du siehst ja auch sofort ein Ergebnis. Wenn das Geld für den neuen Radweg bewilligt wurde, nutzt du diesen vielleicht bald selbst. Diese greifbaren Ergebnisse gibt es in der Bundespolitik nur selten. Ich kann mir daher auch gut vorstellen, später wieder in die Kommunalpolitik einzusteigen.

Wiebke Esdar
„Kommunalpolitik ist wichtig und darf nicht halbherzig gemacht werden.“ Foto@Pat Röhring

Wer Berufspolitiker werden möchte, geht auch immer ein finanzielles Risiko ein: Mal angenommen, du wärst nicht in den Bundestag gewählt worden und könntest eben nicht von der Politik leben: Hättest du einen Plan B gehabt?

Mir war immer bewusst, dass ich ein Risiko eingehe. Einen wirklich ausgereiften Plan B hatte ich aber nicht. Zu der Zeit arbeitete ich an der Uni noch an meinem Forschungsprojekt und betreute zwei Doktorranden. Beides hat mir sehr viel Spaß gemacht und hätte mir zumindest für die nächsten zwei Jahre eine Perspektive geboten. Da die wissenschaftliche Arbeit in Deutschland leider oft mit unsicheren Arbeitsverhältnissen einhergeht, wäre mein ehrenamtliches Engagement in der Politik aber auf Dauer wohl eher ein Hindernis gewesen. Natürlich kann es auch sein, dass ich bei der nächsten Wahl nicht wiedergewählt werde und mir dann einen alternativen Plan überlegen muss.

Gab es Momente, in denen du den Eintritt in die Politik bereut hast?

Nein. Ich meine: Jeder ist ab und an genervt von seiner Arbeit, aber es gab bisher nicht eine Minute, in der ich gedacht habe „Du bist hier falsch.“ Es gab natürlich herbe politische Niederlagen. Ein Beispiel ist die Erhöhung der Studiengebühren. Wir haben damals versucht, gemeinsam mit der Uni-Leitung und den Professoren eine Lösung zu finden und haben dazu viel diskutiert. Einige waren sicher auch offen für unseren Vorschlag, aber dann zog man sich ins stille Kämmerlein zurück, wurde auf Spur gebracht und am Ende haben sie abgestimmt, als hätten wir nie diskutiert. Das war schon enttäuschend und frustrierend. Dennoch habe ich mein Leben in der Politik als solches nie grundsätzlich in Frage gestellt.

Wie muss ich mir eigentlich den Alltag einer Bundestagsabgeordneten vorstellen?

Einen typischen Arbeitstag oder „Alltag“ gibt es in dem Sinne nicht. Im Normalfall reise ich montagsmorgens nach Berlin und treffe mich dann mit dem Parteivorstand, am Mittag mit der Landesgruppe und abends mit Medienvertretern oder Interessensgruppen. Natürlich muss ich auch meine Reden im Bundestag vorbereiten. Viele Termine werden durch mein Wahlkreisbüro vorsortiert. Ich würde sonst den Überblick verlieren.

Wiebke Esdar
„Den typischen Arbeitsalltag gibt es im Bundestag nicht. Das Beispiel zeigt eine Sitzungswoche im Bundestag.

Du pendelst also von Bielefeld nach Berlin…

Für mich als Bielefelderin ist das kein Problem. Die Verbindung nach Berlin ist genial und auch den Rest Deutschlands erreicht man gut. Eine gute Freundin hat ihren Wahlkreis im Saarland. Da ist die Anreise schon etwas aufwendiger.

Du bist es gewohnt, öffentlich und vor einer großen Versammlung zu sprechen. Ich vermute mal, dass du bei deiner ersten Rede im Bundestag trotzdem nervös warst?

Als ich in den Bundestag kam dachte ich nur „Wow“. Selbst an diesem Rednerpult zu stehen, ist einfach etwas ganz Besonderes. Hinzu kam, dass ich keine 48 Stunden Zeit hatte, die Rede vorzubereiten. Ich habe erst kurz zuvor erfahren, dass ich eine Rede halten würde und hatte leider auch nicht die dem Anlass angemessene Kleidung dabei (lacht). Ich musste also nicht nur die Rede vorbereiten und einüben, sondern auch schnell noch Kleidung kaufen. Das lindert die Nervosität nicht gerade. Meine Redezeit betrug dann aber vier Minuten und wenn man es gewohnt ist, rund eine halbe Stunde vor Menschen zu sprechen, ist das eigentlich kein Problem. Du weißt, welche Stellen betont werden müssen und kannst relativ locker frei sprechen.

Reden sind natürlich ein wichtiger Teil meiner Arbeit und auch für die Menschen im Wahlkreis eine Gelegenheit zu sehen, „Was macht die da eigentlich genau?“ Grundsätzlich würde ich aber sagen, dass die Arbeit im Hintergrund – wie etwa das Verfassen von Positionspapieren – viel mehr Zeit einnimmt und auch eine größere Relevanz hat.

Wiebke Esdar
Wiebke bei einer Rede im Bundestag: „Selbst an diesem Rednerpult zu stehen, ist einfach etwas ganz Besonderes.“ Foto@Achim Melde

Gibt es in den anderen politischen Parteien jemanden, den du bewunderst?

Rhetorisch ist Gregor Gysi natürlich absolut herausragend. Er hat ein unheimliches Wissen und ist nicht nur am Rednerpult, sondern auch im normalen Gespräch sehr interessant und eloquent. Das kann ich neidlos anerkennen.

Du rechnest dich selbst dem linken Spektrum der SPD zu. Welchen konservativen oder rechten Politiker weißt du zu schätzen? Horst Seehofer vermutlich nicht…

Nee – er steht auch symbolisch für das Problem, dass wir gerade in der Politik haben. Im Gegensatz zu Gregor Gysi, der seine Überzeugungen hat und dazu steht, stoßen Seehofer und Jens Spahn Debatten an, um Stimmung zu machen. In ihrem eigenen Kernbereich oder Ressort verändern sie dafür aber wenig bis gar nichts. Dabei wäre genau das ihre Aufgabe.

Nehmen wir die Diskussion, ob der Islam zu Deutschland gehört oder nicht. Diese Debatte haben wir schon vor Jahren geführt, als Christian Wulf diesen berühmten Satz gesagt hat. Seehofer sollte sich lieber überlegen, wie er sein BAMF (Anm. d. Red.: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge) in den Griff bekommt. Jens Spahn hat auch als Gesundheitsminister nicht zu entscheiden, ob jemand mit Hartz IV arm ist oder nicht. Die Debattenkultur ist völlig aus dem Ruder gelaufen und gerade Seehofer und Spahn nutzen ihre provokanten Aussagen, um in die Medien zu kommen.

Auch die Debatte über Kopftücher für unter 14-jährige Mädchen ist so ein Beispiel. Die NRW-CDU hat behauptet, dass immer mehr junge Mädchen Kopftuch tragen, muss nun aber eingestehen, dass diese Behauptung jeglicher Grundlage entbehrt. Das Bild vom kopftuchtragenden Mädchen ist jetzt trotzdem wieder im Raum. Übrigens: Kinder, die in Deutschland getauft werden, haben sich das meist auch nicht ausgesucht. Meine Mutter ist Grundschullehrerin und hat seit Jahren immer wieder Kinder aus evangelikalen Familien, die ihre Kinder nicht zum Schwimmunterricht lassen.

Ich meine: Wir müssen Frauen, die in ein religiöses Korsett gezwungen werden, konkrete Unterstützung anbieten und nicht durch platte Sprüche oder bedenkliche Äußerungen an den Rand drängen. Sonst nimmt die politische Kultur auf Dauer Schaden. Auch wenn eine harte politische Auseinandersetzung natürlich wichtig ist.

Wiebke Esdar
„Ich glaube schon, dass wir mit unserem Slogan „Zeit für mehr Gerechtigkeit“ einen Nerv getroffen haben. Wir haben es aber nicht geschafft, aus diesem Slogan eine klar verständliche Programmatik abzuleiten.“

Vor einiger Zeit wurde der Leiter der Essener Tafel kritisiert, weil er für einige Wochen keine weiteren Ausländer als Empfänger der Tafel zulassen wollte. Ihm war der Ausländeranteil mit 75 Prozent zu hoch. Senioren und alleinerziehende Mütter hätten sich von den fremdsprachigen jungen Männern in der Warteschlange bedrängt und abgeschreckt gefühlt. Essen war lange eine klassische SPD-Hochburg. Heute wählen dort viele Menschen Afd, weil sie den Eindruck haben, dass der SPD Migranten oder Flüchtlinge wichtiger sind, als alteingesessene Arbeiter. Kannst du das nachvollziehen?

Die Entscheidung, eine bestimmte Ethnie oder Staatsangehörigkeit von der Tafel auszuschließen war falsch. Ich möchte den Ehrenamtlichen der Tafel aber keinen Vorwurf machen. Denn das die Situation so eskaliert ist, war ein Fehler der Politik. Die Essener Tafel hat sich damals einfach nicht anders zu helfen gewusst. Ich kann die Frustration der Menschen also verstehen. Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen und behaupten, dass Probleme wie diese der Hauptgrund für das aktuelle Glaubwürdigkeitsproblem der SPD und unser schlechtes Abschneiden bei der Bundestagswahl ist. Die eigentliche Ursache ist unser Verhalten seit der Finanzkrise 2008. Wir müssen uns selbstkritisch fragen: Was haben wir den Bürgerinnen und Bürgern, von denen du eben gesprochen hast, eigentlich signalisiert? Wir haben das Geld, um Banken zu retten. Für höhere Hartz IV-Sätze ist aber nicht genug da? Wer 30 Jahre seines Lebens gearbeitet hat und mit Ende 50 seinen Job verliert, muss nachdem sein Arbeitslosengeld ausgelaufen ist, seine Eigentumswohnung oder die Ersparnisse, für die er hart gearbeitet hat, anrechnen lassen. Wir haben auch nicht genug in die Schulen oder die Infrastruktur investiert. Dabei wäre das gerade im Ruhrgebiet nötig gewesen. Wer so über mehr als ein Jahrzehnt regiert, muss sich nicht wundern, dass die Menschen eine Art Sozialneid empfinden, wenn wir nun mehr als eine Million Geflüchtete aufnehmen und versorgen. Viele denken dann „Ach, für die ist das Geld also doch da.“ Die Idee von Hartz IV war nicht von Grund auf schlecht – aber wenn wir die Menschen überzeugen wollen, dass die SPD gerade auch für sozial schwache Bürger da ist, müssen wir das System reformieren.

In den USA existiert doch das gleiche Problem: Die Menschen haben Donald Trump unter anderem deshalb gewählt, weil sie sich von der etablierten Politik nicht mehr vertreten fühlen – oder eben nur den erhobenen Zeigefinger der Political Correctness zu sehen bekommen. Hat die SPD verlernt, die Sprache des einfachen Bürgers zu sprechen und seine Probleme ernst zu nehmen?

Ich glaube schon, dass wir mit unserem Slogan „Zeit für mehr Gerechtigkeit“ einen Nerv getroffen haben. Wir haben es aber nicht geschafft, aus diesem Slogan eine klar verständliche Programmatik abzuleiten. Uns haben die konkreten Kernthemen gefehlt. Unsere Analyse nach der Wahl hat auch etwas Interessantes gezeigt: Wir wurden von allen gesellschaftlichen Schichten gewählt. Nun sagen einige: „Wir sind überall gleich stark“ – ich glaube aber eher „Wir sind überall gleich schwach“. Uns fehlen eine starke Wählerbasis und ein echter Schwerpunkt. Wir müssen also überlegen, wen wir in Zukunft vertreten möchten, wie wir diese Menschen erreichen und auch in unsere Partei einbinden können.

Wiebke Esdar
„Ich bin nicht in die Politik gegangen, um mir in Berlin einen neuen Freundeskreis aufzubauen, sondern um dort meine Position zu vertreten. „

Du bist ganz neu im Bundestag und hast dich gleich gegen die große Koalition ausgesprochen. Weht da einem nicht ein eiskalter Wind aus der eigenen Partei entgegen? Wurdest du vielleicht auch für deine Haltung angefeindet?

Ich habe in der Debatte auf jeden Fall ordentlich Gegenwind bekommen. Was hinzukommt: Ich bin ja nicht nur im Bundestag neu, sondern auch im Bundesvorstand der SPD. Da wird man etwas stärker ins Visier genommen und einige Diskussionen waren schon ziemlich harsch. Ich bin aber nicht in die Politik gegangen, um mir in Berlin einen neuen Freundeskreis aufzubauen, sondern um dort meine Position zu vertreten. Es gab sicher auch gute Gründe für eine große Koalition. Ich habe mir die Argumente wirklich sehr intensiv angeschaut und es mir auch nicht leicht gemacht. Am Ende war und bin ich aber der Meinung, dass die große Koalition auf Dauer nicht das Ziel sein kann. Natürlich werde ich trotzdem alles daran setzen, dass wir in den nächsten Jahren so viel wie möglich für die Menschen in unserem Land herausholen. Ich möchte gestalten und Verantwortung übernehmen. Das ist übrigens auch der Grund, weshalb ich mit Parteien wie der Afd oder der Linkspartei nicht viel anfangen kann. Wer nur Opposition macht, sich aber vor Regierungsverantwortung drückt, hat im Bundestag eigentlich nichts verloren.

Ist die Afd für dich grundsätzlich untragbar oder wärst du unter bestimmten Voraussetzungen bereit, mit den Abgeordneten zusammenzuarbeiten?

Aktuell ist das für mich unvorstellbar. Die Afd setzt nur auf Eskalation und Hetze. Solange das so bleibt, wird die Afd nicht bereit sein zu regieren, und ich möchte unter diesen Umständen auch nicht mit der Partei kooperieren.

Wie ist denn das persönliche Verhältnis zu den Afd-Abgeordneten? Man trifft sich ja sicher mal im Fahrstuhl oder der Kantine…

Natürlich grüßt man sich. Nur die, die schon länger im Bundestag sitzen, berichten mir, dass die Afd die Stimmung im Bundestag verändert hat. Ein Beispiel: Als ich in den Bundestag gezogen bin, haben Abgeordnete der Afd die Türschilder meiner Mitarbeiter abfotografiert. Wozu? Wollen die eine Art Kaderakte anlegen? Ich finde das einfach unangenehm, will mir aber das freundschaftliche Untereinander nicht kaputt machen lassen, nur weil die Afd die Stimmung vergiften möchte.

Die Linkspartei wurde nach ihrer Gründung auch als undemokratisch verteufelt, wird aber heute als Teil des normalen politischen Spektrums wahrgenommen. Glaubst du, dass es mit der Afd ähnlich laufen wird?

Die Linkspartei ist aber heute noch in vielen Bereichen nicht regierungsfähig und auch nicht zu Kompromissen bereit. Was die Linkspartei von der Afd unterscheidet, ist die Idee der Gesellschaftsform. Die Linkspartei möchte mehr Gleichwertigkeit für alle. Die Afd möchte mehr Ungleichheit. Ich hoffe, dass wir uns in Deutschland nie daran gewöhnen werden, dass eine Partei wie die Afd den Wert eines Menschen anhand seiner Religion oder Ethnie bemisst.

Haben die Medien die Afd groß gemacht?

Gerade in der Anfangszeit der Afd saßen die schnell in jeder Talkshow. Einfach, weil sie mit ihren Provokationen die Einschaltquoten nach oben getrieben haben. Dabei war die Partei zu Zeiten von Lucke und Petry noch sehr unbedeutend und saß nicht einmal im Bundestag. Also ja, die Medien haben meiner Meinung nach einen erheblichen Anteil daran, dass die Afd so einen Erfolg hat und heute Oppositionsführer ist – das ist übrigens ein weiterer Grund, warum die die große Koalition abgelehnt habe.

Alice Weidel ist lesbisch, mit einer Schweizerin verheiratet und beschäftigt eine dunkelhäutige Putzfrau. Wenn die Afd-Anhänger so radikal sind: Wie erklärst du dir diese Parteivorsitzende?

Ich finde das sehr merkwürdig und es ist nur schwer zu verstehen, wie eine Frau wie Alice Weidel dieser Partei angehören kann. Vermutlich hat das psychologische Gründe.

In letzter Zeit gab es immer wieder Angriffe auf Politiker. Hast du so etwas auch schon erlebt?

Ja, vor allem, seit ich im Bündnis gegen Rechts aktiv bin. Ich habe daher schon seit Jahren eine Auskunftssperre für meine Wohnadresse. Natürlich erreicht unser SPD-Büro in Bielefeld auch Briefe und Beschimpfungen. Oder auch in den sozialen Netzwerken. Für den Straßenwahlkampf habe ich mich daher noch einmal intensiv mit Körpersprache und Selbstverteidigung beschäftigt – bisher musste ich mich aber zum Glück nie körperlicher Gewalt erwehren.

Wiebke Esdar
Wiebke kann sich eine Rückkehr in die Kommunalpolitik durchaus vorstellen.

Was kann Berlin von Bielefeld lernen?

Bielefeld hat eine angenehmere Größe. Die Stadt hat viele Sportvereine, eine tolle Kulturszene und ist familiärer als Berlin. Berlin ist sehr anonym. Die Verkehrssituation in Berlin ist auch viel schlimmer. Trotz der ganzen Baustellen in Bielefeld.

Hat Bielefeld denn ein Problem mit Rechtsextremismus?

Das würde ich so nicht sagen. Beim Bündnis gegen Rechts geht es eher darum, den Anfängen zu wehren. Wir wollen hier einfach keine Zustände wie im Dortmunder Norden. Dort hätte man vor 20 Jahren schon was machen müssen.

Zu den Bigida-Demos kommen kaum eine Handvoll Leute: Schenkt ihr denen durch die Gegendemos nicht überhaupt erst Aufmerksamkeit?

Kürzlich gab es eine Demo von 400 Rechtsradikalen am Bielefelder Hauptbahnhof, die sich für die Freilassung der Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck eingesetzt haben. Protest gegen Rechts ist immer wichtig, auch wenn es anstrengend ist, gegen vier Leute in Quelle am Bahnhof zu stehen.

Von der Politik mal abgesehen: Was ist aus deiner Sicht eine unterschätzte Qualität von Bielefeld?

Bielefeld ist die am meisten unterschätzte Stadt in Deutschland. Die Lebensqualität ist hier sehr hoch. Bielefeld ist grün, vielfältig und bietet dem allein lebenden Studenten genauso viele Möglichkeiten, wie der Großfamilie.

Du hast ja eine Rückkehr in die Kommunalpolitik nicht ausgeschlossen. Was würdest du sofort ändern, wenn du die Wahl zur Bürgermeisterin gewinnst?

Da ich dem Schwimmsport sehr verbunden bin, würde ich mehr Schwimmbäder bauen, die das ganze Jahr über nutzbar sind. Außerdem würde ich versuchen, im Haushalt mehr Mittel für die Sozial- und Jugendarbeit frei zu machen. Die Menschen, die dort arbeiten, müssen endlich besser bezahlt werden. Wobei sich das vermutlich nur von Berlin aus regeln lässt. Der Ausbau der Straßenbahn ist ein weiteres Thema, dem ich mich widmen würde. Der Verkehr in der Innenstadt sollte endlich entschlackt werden.

Ich danke dir ganz herzlich für das interessante Interview und wünsche dir viel Erfolg bei deiner politischen Arbeit in Berlin.

Du möchtest mehr über Wiebkes Arbeit erfahren? Dann besuche ihre Website oder folge ihr auf Facebook.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Erstellt mit WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: