Rebeccas Welt: Die Poesie des Reisens

Arbeiten, wo andere Urlaub machen. „Rebeccas Welt“ ist ein Blog, der schnell akutes Fernweh auslösen kann. Journalistin und Texterin Rebecca Schirge entdeckt auf ihren Reisen Orte, die abseits ausgetrampelter Touristenpfade liegen und beweist, dass nachhaltiges Reisen auch in der Ferne möglich ist.

Kostenlose Kleidung oder gesponserte Übernachtungen in Luxushotels: Viele Blogger und Influencer profitieren enorm durch ihre Reichweite. Reisen ist teuer und auch du wirst sicherlich ab und an gesponsert. Sind deine Reiseberichte also wirklich neutral oder eher eingekaufte Werbung für Hotels und Reiseveranstalter?

Also dazu muss ich mal was ganz Allgemeines sagen: Wer denkt, dass Reisejournalisten oder Reiseblogger bei ihren Pressereisen Urlaub machen, hat ganz einfach nicht verstanden, wie anstrengend der Job ist. Man hat vor Ort meistens von 8 Uhr morgens bis 23 Uhr Programm, zwischendurch und danach kümmert man sich um seine Social-Media-Kanäle. Und wenn man dann wieder zuhause ist, geht die Arbeit erst richtig los, Artikel schreiben, Fotos sichten, Fotos bearbeiten und vieles mehr. Mit Urlaub hat das mal so gar nichts zu tun. Leider verstehen das manche Menschen nicht, weil sie unwissend sind. Ein gewisser Neidfaktor kommt sicher teilweise auch dazu, denn natürlich sehen die Bilder, die man am Ende zu sehen bekommt, immer ganz toll aus, ganz entspannt, sie wecken Sehnsucht. Aber genau das ist ja der Job: zu zeigen, wie es sein könnte, wenn man dort Urlaub macht, nur dass man es selbst nicht tut. Wer zum Beispiel mal eine Geschäftsreise gemacht hat, weiß sicher, dass das immer auch anstrengend ist.

Rebecca Schirge
„Der Weg zum Mond führt über die Karlsbrücke, dann beim Kleinseitener Brückenturm nach links abbiegen.“ – Dieses Zitat wird Albert Einstein zugeschrieben. Foto@Rebecca Schirge

Also wünschst du dir mehr Fairness im Umgang mit Bloggern?

Genau, zumindest mit den Reisebloggern, die ich kenne. Denn wenn man ihre gut gemachten Reiseblogs liest, kann man sich über glaubwürdige, interessante und informative Reiseberichte freuen. Dazu sind sie noch gratis für die Leser. Natürlich gibt es auch schwarze Schafe unter Bloggern, aber in welcher Branche gibt es die nicht? Die Reiseblogger, die ich kennengelernt habe, machen einen tollen Job und stecken sehr viel Herzblut und vor allem Freizeit in ihre Beiträge, Videos und Bilder. Da ich hauptberuflich Redakteurin bin, kann ich sagen, dass fast alle guten Reiseberichte, die man in Zeitungen oder Magazinen liest, ebenfalls durch Pressereisen entstanden sind und das ist auch gut so, sonst gäbe es sie nämlich höchstwahrscheinlich gar nicht.

Was das Thema Werbung betrifft, gibt es ja ganz klare Regeln, wenn ein Artikel in Abstimmung mit einer Destination geschrieben wird und man Geld dafür bekommt, muss man ihn als Werbung kennzeichnen. Ich hingegen lege selbst fest, worüber ich schreiben möchte und stimme dies auch nicht mit Destinationen oder Unterkünften ab. Genau deswegen habe ich den Reiseblog ja gemacht, um das schreiben zu können, was ich möchte, ohne einen Kunden dahinter.

Ich suche mir meine Reiseziele auch immer danach aus, ob sie zu mir passen. Eine Einladung in ein 5-Sterne-Hotel in Saudi-Arabien würde ich zum Beispiel ablehnen, denn das passt nicht zu mir und damit auch nicht zu meinem Blog. Ich bevorzuge Ziele mit Naturbezug, im August werde ich zum Beispiel in einem Baumhaus übernachten. Schöne Städte mag ich zwar auch, aber die müssen dann Flair haben, so wie Wien oder Paris.

Wie viele Tage im Jahr bist du denn durchschnittlich unterwegs?

Das kann ich gar nicht so pauschal sagen. Ein Wochenende im Monat ist es aber auf jeden Fall. Aktuell versuche ich mich auf regionale Reiseziele zu beschränken. Regional heißt für mich: Deutschland und Europa, zumindest im Sommer.

Rebecca Schirge
Das Gute liegt so nah: Rebecca entdeckt die „Grüne Flotte“ in Mühlheim an der Ruhr. Foto@Rebecca Schirge

Du bist nicht nur Reisejournalistin, sondern arbeitest auch als Texterin und freie Autorin für Unternehmen, die rein gar nichts mit Urlaub oder Reisen zu tun haben. Schreibst du dann auch diese Texte im Hotel? Wie bringst du das unter einen Hut?

Natürlich habe ich meinen Laptop immer dabei. Ich bin aber keine komplette „digitale Nomadin“, sondern bearbeite auf Reisen dann eher meine E-Mails. Ausnahmen gibt es aber immer. Zugfahrten lassen sich zum Beispiel gut nutzen. Ich war kürzlich in Paris und habe dann abends eben auch für meine anderen Kunden gearbeitet, weil mir sonst die Zeit gefehlt hätte. Grundsätzlich schreibe ich diese Art von Text aber lieber in Ruhe von Zuhause aus. Also in Bielefeld.

Ständige Erreichbarkeit ist also für dich normal?

Abschalten fällt mir dann und wann schon ein wenig schwer. Aber jeder muss da sein eigenes optimales Maß finden. Wenn beide Partner in der Beziehung so arbeiten, ist das sicherlich ein größeres Problem. Da muss man dann aufpassen, dass die Beziehung nicht unter der Arbeit leidet und „offline“-Zeiten bewusst planen.

Hast du auf deinen Reisen auch schon brenzlige oder unangenehme Situationen erlebt?

Ja, aber damals war ich nicht für meinen Reiseblog unterwegs, sondern habe meine Familie in Südafrika besucht. In einem Vorort von Johannesburg bin ich von einem Mann verfolgt worden, und dann wurden es plötzlich immer mehr. Da habe ich mich sehr unwohl gefühlt. Ich wusste zu dem Zeitpunkt nicht, was genau die von mir wollten, aber natürlich muss man dann im Zweifelsfall mit dem Schlimmsten rechnen. Zum Glück hat dann eine Familie mit ihrem Auto neben mir Halt gemacht und mich ins Auto gezogen. Die waren völlig entsetzt, dass ich in der Gegend alleine herumgelaufen bin. Dazu muss ich sagen: es war helllichter Tag und ich hatte mich vorher informiert, ob die Gegend sicher ist. An sich wollte ich auch nur gerade mal schnell in einen Supermarkt und mir Nudeln kaufen (lacht). In Südafrika machen viele Menschen selbst diese Banalitäten nur im geschlossenen Auto und fahren dann später in ihre Hochsicherheitswohngegend. Da würde ich mich allerdings wie in einem Gefängnis fühlen. In den touristischen Gebieten ist man relativ sicher. Aber mir ist sehr wichtig, dass ich mich als Frau in einem Land frei bewegen und auch etwas abgelegene Orte jenseits der typischen Touristenziele entdecken kann. Nur so kann ich Tipps geben, die eben nicht im klassischen Reiseführer zu finden sind.

Rebecca Schirge
Fernab typischer Touristenziele findet sich auch in Paris ein ruhiges Fleckchen. Foto@Rebecca Schirge

Mal von gefährlichen oder von Touristen überlaufenen Gegenden abgesehen: Welche Reiseziele kommen für dich darüber hinaus nicht in Frage?

Das ist eine schwierige Frage, denn eigentlich interessiert mich jedes Land. Was mich aber immer weniger reizt, sind Orte wie Shanghai oder Bangkok. Also Millionenstädte mit wenig Natur. Genau die fehlt mir dort.

Gibt es Reiseziele, von denen du dir viel versprochen hast, die dich aber im Nachhinein enttäuscht haben?

Enttäuscht ist vielleicht zu viel gesagt – aber ich war neulich in Prag und das war leider, trotz Nebensaison, total von Touristen überlaufen, was aber auch sehr an den schönen alten schmalen Gassen lag. Gemütlich über die Karlsbrücke zu schlendern oder sich einfach mal treiben zu lassen, war in der Altstadt einfach nicht drin. Ich bin daher von meinem ursprünglichen Plan abgewichen und habe mir alternativere Stadtviertel angeschaut, die frei von Touristen-Reisebussen waren. Zum Glück, denn in Prag gibt es viel mehr zu sehen, als nur die Karlsbrücke oder das Kafka-Museum. Allgemein gefallen mir Reiseziele, die viel Natur und Grün bieten.

Als Reiseprofi hast du sicher einen ultimativen Tipp, wie sich nervige Wartezeiten an Flughäfen oder im Stau überbrücken lassen oder?

Ich lösche dann gerne Bilder, die nicht so gut geworden sind (lacht). Da ich gerne mit dem Zug reise, kann ich die Zeit auch nutzen, um meine Artikel zu schreiben. Mit etwas Glück habe ich dann W-Lan und kann meine Social-Media-Kanäle pflegen oder E-Mail-Anfragen beantworten. So lassen sich auch lange Fahrtzeiten mit der Bahn produktiv nutzen.

Rebecca Schirge
Auf ihrem Blog erklärt Rebecca, wie auch Fernreisen nachhaltig gelingen können. Foto@Rebecca Schirge

Du bist wahrscheinlich mittlerweile eh sehr gut organisiert?

Ja (lacht). Ohne eine gute Organisation wäre das alles nicht möglich.

Du hast schon gesagt, dass du auch viel in Deutschland unterwegs bist. Welchen Ort würdest du denn ausländischen Touristen empfehlen.

Wenn jemand einen Städtetrip machen möchte, würde ich ihm Berlin empfehlen. Die Stadt vereint viele unterschiedliche Aspekte, ist geschichtlich hochinteressant und es gibt dort für jeden viel zu entdecken. Ansonsten kommt es ganz darauf an, woher derjenige stammt. Falls der Tourist aus einem eher trockenen Land kommt, würde ich ihm vielleicht schöne Waldgebiete zeigen. Ich finde, Deutschland ist sehr abwechslungsreich und hat auch eine Menge zu bieten. Allein Ostdeutschland hat unglaublich viele tolle Landschaften. Die Uckermark zum Beispiel hat mich sehr positiv überrascht. Dort ist die Gegend noch sehr naturbelassen. Wichtig ist auch die Art des Reisens. Ich habe beispielsweise schon in Baumzelten übernachtet oder in ausgebauten Wohnwägen mitten in der Natur. Das sind besondere Erlebnisse, an die ich mich gerne erinnere, kleine Mikroabenteuer, die im Alltag für Abwechslung sorgen.

Du brauchst also kein 5-Sterne Hotel?

Ein einfaches Zelt muss es aber auch nicht sein. Ich schlafe nicht gerne auf dem Boden und ein großer Spinnen-Fan bin ich auch nicht (lacht). Komfort ist schon ganz nett, aber richtigen Luxus brauche ich nicht. Dann lieber das Baumzelt in der Natur. Dort erlebst du des Nachts echte Stille, hörst vielleicht ein paar Tiere und siehst einen phantastischen Sternenhimmel. Das ist wahrer Luxus, den viele Städter nicht mehr kennen.

Welche 5 Dinge dürfen denn bei keiner Reise fehlen?

Mein Freund – denn der macht die Bilder. Wobei ich ihn natürlich auch so gerne dabei habe (lacht). Eine Powerbank für mein Handy und der Laptop dürfen auch nicht fehlen. Eine Taschenlampe muss auch in der Tasche liegen und ein Mittel gegen Mücken kann nicht schaden.

Du legst sehr viel Wert auf nachhaltiges Reisen und schreibst auch darüber. Hast du einen Tipp für Menschen, die ohne schlechtes Gewissen nach Australien fliegen möchten?

Ich möchte gar nicht mit erhobenem Zeigefinger durch die Welt laufen, denn ich finde, dass Fernreisen ihre Berechtigung haben. Nur so lernen wir die Welt kennen und verstehen, dass sie schützenswert ist. Im Prinzip ist jede Reise eine Belastung für die Umwelt. Aber wer Bangladesch gesehen hat, weiß danach, wie es an dem Ort aussieht, an dem teilweise schon kleine Kinder unsere Klamotten nähen und geht mit dem Thema anschließend wahrscheinlich auch sensibler um. Ein Tipp von mir wäre, den Flug zu „kompensieren“ und Portale wie atmosfair oder myclimate zu nutzen. Dort kann man sich den eigenen CO2-Fussabdruck ausrechnen lassen und anschließend Projekte zum Klimaschutz finanziell unterstützen. Eine andere Idee ist, länger an einem Ort zu bleiben und sich alles genau anzuschauen, anstatt drei Mal im Jahr dorthin zu fliegen. Das eigene Verhalten in dem jeweiligen Land ist auch wichtig. Wenn ich einen Mietwagen buche, wähle ich lieber ein kleines Auto und verzichte auf den dicken SUV. Es gibt in Australien oder Sri Lanka mittlerweile auch viele Unterkünfte, die nachhaltig wirtschaften und im Gegensatz zu großen Hotels eben nicht verschwenderisch mit Energie oder Lebensmitteln umgehen.

Rebecca Schirge
„Deutschland bietet Touristen jede Menge Abwechslung.“ Foto@Rebecca Schirge

Zum Abschluss noch ein paar Fragen zu Bielefeld…

Ja, das ist gut (lacht). Viele glauben ja, ich wäre andauernd unterwegs, dabei bin ich eigentlich die meiste Zeit in Bielefeld. Ich poste natürlich viele Bilder von meinen Reisen und so entsteht eben dieser Eindruck. Das ist ja auch völlig normal.

Dann hast du sicher einen Geheimtipp für Menschen, die Bielefeld kennenlernen möchten?

Mein persönlicher Lieblingsort in Bielefeld ist der Teutoburger Wald. Die Luft ist toll und es ist dort einfach wunderschön. In der Innenstadt kann ich das Café Gemach empfehlen. Dort ist alles selbst gebacken und das Café ist wirklich sehr hübsch eingerichtet. Auch wenn ich Gäste habe und es gerade passt, gehe ich gerne dort hin. Gadderbaum und der Botanische Garten sind auch klasse.

Rebecca Schirge
Als Reisejournalistin ist Rebecca mindestens ein Wochenende im Monat unterwegs. Foto@Rebecca Schirge

Was ist deiner Meinung nach eine unterschätzte Eigenschaft von Bielefeld?

Das Leben in Bielefeld hat viele Vorteile. Du hast eine richtige City, aber auch sehr viel Grün und der Wald ist eigentlich auch mit dem Fahrrad oder zu Fuß immer gut zu erreichen. Bielefeld hat auch eine angenehme Größe. In Städten wie Hamburg möchte ich nicht mehr leben. Denn in den Stadtteilen zu wohnen, die mir so gut gefallen wie Gadderbaum, könnte ich mir dort sicher nicht leisten. Ich reise gerne, aber ich freue mich auch immer wahnsinnig auf Zuhause. Für mich ist Bielefeld die perfekte Basis.

Mal angenommen, du wärst für einen Tag Bürgermeisterin in Bielefeld. Was würdest du ändern?

Ich würde die Stadt radfahrfreundlicher gestalten. Gerade am Jahnplatz ist da noch Luft nach oben. Ich weiß nicht, wie Rot man die Radwege noch markieren soll, bis manche Leute kapieren, dass sie für Radfahrer sind (lacht). Wenn ich dann mal aus der Not heraus die Klingel benutze, werde ich oft genervt angeguckt. Der Weg in die Stadt ist auch stressig, dauernd versperren Lieferwagen die Radwege, als ob diese keine Berechtigung hätten. Zur Detmolder Straße sage ich lieber nichts. Und ich mag es auch gar nicht, wenn rechts vom Radweg Parkplätze sind, dann muss man dauernd damit rechnen, dass ein Autofahrer unbedacht plötzlich die Tür aufreißt. Statistisch gesehen stirbt in Deutschland täglich ein Radfahrer bei einem Unfall, das ist keine gute Quote…Allerdings muss ich dazu sagen, dass es auch unter den Radfahrern natürlich rücksichtslose Menschen gibt.

Vielen Dank für das tolle Interview. Ich wünsche dir weiterhin viel Erfolg und freue mich darauf, mehr von dir zu lesen.

Du planst deinen nächsten Urlaub oder liest einfach gerne spannende und informative Reiseberichte? Hier findest du Rebeccas Blog.

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